Foto: Johanna Lippke
27. Juni 2026. Das war heiß, das war sehr heiß.
Funk, Soul, Blues and some Jazz with Soulounge!
[ACHTUNG: Der nachfolgende Text enthält Hitzewitze.]
In Süd- und Ostdeutschland werden Hitzerekorde gemessen, aber auch bei uns im Norden leiden fast alle unter den hohen Temperaturen und der niederschmetternden Luftfeuchtigkeit. Da war die Hoffnung groß, dass es in der ehrwürdigen Nikolai Kirche in Elmshorn etwas Abkühlung geben würde. Aber weit gefehlt: Der kleine Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen schwindet schnell dahin, als um 19 Uhr die Besucher in die Kirche strömen. Wer vorausschauend geplant hat, zückt seinen Fächer, der Rest wedelt mit irgendwas herum. Zum Glück ist das Tresenteam gut vorbereitet und hat viele Getränke kaltgestellt. So werden Leben, Lebern und Launen gerettet.
Die Spenden am Tresen gehen auch dieses Mal direkt an ein soziales Projekt aus Elmshorn: An die Suppenhühner. Lotte überlässt ihnen im Rahmen seiner Begrüßung die Bühne für eine Darstellung ihrer ehrenamtlichen Arbeit: Alle zwei Wochen kochen die Suppenhühner warme Mahlzeiten, die sie am Wochenende auf St. Pauli an Bedürftige, vor allem Wohnungslose, verteilen. Alles wird ausschließlich durch Spenden finanziert, alle Spenden werden restlos für die Mahlzeiten sowie Schlafsäcke und Isomatten verwendet.
Lotte spendiert dann noch eine seiner dynamischen Ansagen. Und diesmal auf Deutsch. Mit Publikumsbeteiligung: „Wollt Ihr Musik?!“ – „Jaaa“. Und so weiter.
Und da kommen die Jungs auf’s Spielfeld. Sie grooven los wie seinerzeit die Funklegende The Meters aus New Orleans und wie das Leben so spielt – es ist ein Titel von den Meters – „Funky Miracle“ [ja, ich habe auf die Liste der Musiktitel geschaut]. Pluckernder Bass von Tim Kirschke. Funky Drums von Tobias Held. Ein kühles Orgelsolo von Markus Kuczewski, ein psychedelisches Gitarrensolo vom Urgestein Sven Bünger. Jede Note sitzt, es groovt höllisch; anders als bei anderen deutschen Teams keine Fehlpässe im Mittelfeld.
Und das war nur zum Warmspielen [dieses laue Witzchen sei gestattet], denn nun kommen die vier Gastsänger auf die Bühne: Miu Graf, Cleo Steinberger, Phil Siemers und Moritz Kruit, die beiden letzteren auch an der Gitarre. Was jetzt passiert, ist wirklich eindrucksvoll. Alle vier sind starke Sänger und wechseln sich bei den Musikstücken mit dem Leadgesang ab, während die jeweils anderen den Hauptsänger mit intensivem Begleitgesang unterstützen, wodurch eine unglaubliche Dynamik und Spannung aufkommt.
Zuerst werden ein paar eigene Stücke vom gerade erst erschienen Album „Keep The Funk Alive“ vorgestellt, dann geht es fröhlich durch die Musikgeschichte: Klassischer Funk yon Sly and the Family Stone („Family Affair“), ein Song von John Lennon („Jealous Guy“), ein alter Country-Heuler („9 to 5“), Blues der 1960er („Born Under a Bad Sign“). Alles selbstverständlich auf Funk gedreht und mit großer Könnerschaft, Spielfreude und ansteckender guter Laune auf die Bühne gebracht. Und alles – wie gewohnt – von Tonmeister Marcus im astreinen Sound rübergebracht.
Einige persönliche Lieblingsmomente aus dem ersten Teil, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Miu bringt das erste Mal die ganze Kirche bei „Easy“ (von ihrem Soloalbum „Modern Retro Soul“) zum Singen.
Die Unisono-Improvisation von Stimme und Gitarre von Moritz schafft bei „Stormy Monday“ einen „George Benson-Moment“ (©Till).
Cleo lässt einen vergessen, wer „9 to 5“ im Original gesungen hat.
Fans von Dolly Parton: Es tut mir leid, aber so war‘s.
Feurige Gitarre, toller bluesiger Gesang – wieder Moritz – beim mitreißenden „Born Under a Bad Sign“, eher Albert King als Cream.
Danach wird zur obligatorischen Trinkpause (Hydration Break) gerufen; in Elmshorn eine sinnvolle und beliebte Tradition, die die FIFA in Verkennung der prinzipiellen Unterschiede zwischen einem Konzert und einem Fußballspiel bei Lottes Musiknacht abgekupfert hat.
Leider musste ich zu diesem Zeitpunkt bereits aufbrechen, so dass ich den weiteren Verlauf nur vom Hörensagen schildern kann:
Die erste Halbzeit war dampfend heiß, in der zweiten Hälfte wird es nicht kühler.
Nach dem köchelnden instrumentalen Aufwärmer [ja, ein weiterer Hitzewitz] „Soulounge Jam“ folgen gleich fünf eigene Stücke vom Album „Keep The Funk Alive“ bei denen alle vier Sänger nochmal mit Solostimmen glänzen; auch ein Duett von Moritz und Miu („Love At First Sight“) begeistert. Gitarrist Sven Bünger berichtet noch, dass er in derselben Stadt wie James Brown geboren worden sei, in Ratekau, was ihm viele nicht glauben würden. Das wäre nämlich Barnwell, South Carolina. Lass‘ ich mal so stehen.
Dann beginnt schon die Schlussoffensive: „Aretha“ vom 2006er Album der Band; eine Hymne im Stil der 1960er von Stax/Atlantic Records an Ihr wisst schon wen, hier sehr ergreifend gesungen von Miu.
Aber dann: „How Deep Is Your Love“. Hmmh, na ja, die Bee Gees; ich weiß ja nich‘. Aber man sagt mir, dass auch dieses Stück – ein Duett von Phil und Cleo – toll rübergekommen sei. Will ich mal glauben, wir sind ja in einer Kirche.
Danach „How Do You Like It“, das wunderbare Stück Funk vom 2004er Album „Home“. Alle vier Sänger geben Vollgas, die Kirche kocht [Hitzewitz], und zwar nicht nur die Suppenhühner [wohl auch ‘nen Hitzewitz].
In der Nachspielzeit bringt der Tanz-Klassiker „Love and Happiness“ von Al Green (1973) die Gemeinde erneut auf die Beine; auf Abkühlung hofft man vergeblich. Zum grandiosen Finale wird dann noch von allen Sängern „1999“ von Prince angestimmt und da gibt es nun gar keine Zweifel mehr; die Nikolai Kirche wird zur Tanzhalle. Wenn irgendwer zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchgeschwitzt gewesen wäre, wäre damit jetzt Schluss gewesen.
Fazit: Auch Soul und Funk kommen in Elmshorn gut rüber, man kann sich wie immer bei Lottes Musiknacht auf Qualität verlassen.
Jochen Zink
(mit Input von Petra, Simone und Lotte)
Alle Fotos: Johanna Lippke
lottes musiknacht e.V.
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